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Krisenmanagement in der Effenberg-Bank – Interview

„Der Verbund ist das Fundament unseres Daseins. Dieser Familie sind wir eine Aufarbeitung und Lösung schuldig“ 

Nicht viele Volksbanken und Raiffeisenbanken genießen solch eine mediale Aufmerksamkeit wie die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden. Trotz ihrer überschaubaren Größe hat sich die Südthüringer Genossenschaftsbank in den zurückliegenden Jahren im Finanzsektor einen gewissen Namen gemacht. Der Grund ist dabei vor allem ein prominentes Mitglied unter der Mitarbeiterschaft: Stefan Effenberg. Seit 2018 investiert die VR-Bank ins Fußballgeschäft und mit Einstellung des berühmten Mittelfinger-Fußballers erhielt die Bank auch ihren Spitznamen: „Die Effenberg-Bank“.

 

Mittlerweile ist das Fußballgeschäft nur noch eine Randnotiz. Stattdessen macht die VR-Bank seit Ende vergangenen Jahres anderweitig Schlagzeilen. Nachdem sie erkannten, dass die Risikotragfähigkeit nicht mehr gegeben war, traten Vorstand und Aufsichtsrat der Bank zurück. Mittlerweile werden die Geschicke der Bank durch den verbliebenen Vorstand Ulrich Fröhlich-Abrecht sowie einen Sonderbeauftragten gelenkt. Wir sprechen mit Christian Gervais, Sonderbeauftragter mit Geschäftsführungsbefugnissen bei der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden eG, über die Situation der Bank, über Kommunikation in Krisenzeiten, über den Umgang mit Kritikern und den Weg aus der Krise.

 

Ein Interview mit Christian Gervais, Sonderbeauftragter bei der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden 

AWADO Kommunikationsberatung GmbH (AKB): Guten Tag, Herr Gervais. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben.

Christian Gervais (CG): Guten Tag, es ist mir eine Freude.

AKB: Herr Gervais, Sie sind nun seit Dezember letzten Jahres als durch die BaFin gesandter Sonderbeauftragter in der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden aktiv. Was können Sie uns in Bezug auf die Bank und den anhaltenden Gerüchten nach finanziellen Verlusten sagen?

 

CG: Wir können zum jetzigen Zeitpunkt bestätigen, dass die Gewinn- und Verlustrechnung 2022 einen deutlichen finanziellen Verlust ausweisen wird und unsere Bank unter den Schutzschirm der Sicherungseinrichtung treten muss. Erst jüngst haben wir gemäß § 33 Genossenschaftsgesetz diese Tatsache den Mitgliedern angezeigt, dass die Verluste höher sein werden als die Hälfte unseres Kapitals und unserer Rücklagen.

Einen testierten Jahresabschluss können wir derzeit noch nicht vorweisen, sodass ich noch nicht sagen kann, wie groß das finanzielle Loch am Ende tatsächlich sein wird. Kürzlich hat uns die durch unseren Prüfungsverband beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Baker Tilly zudem mitgeteilt, dass es Unregelmäßigkeiten in den Jahresabschlüssen 2020 und 2021 gibt, die zunächst aufgearbeitet werden müssen.

 

AKB: Die Kritik eines sehr lauten Teils der Mitglieder ist deutlich. Wie wichtig ist es, den testierten Jahresabschluss präsentieren zu können?

 

CG: Der überwiegende Teil unserer Mitglieder will wissen, was in der Bank los ist. Ihnen ist warten lieber, als vorschnell zu handeln. Von daher sehe ich einen großen Rückhalt bei einer überwiegenden Mehrheit unserer 18.000 Mitglieder. Tatsache ist aber auch, dass eine Gruppe von Mitgliedern unserer Arbeit derzeit nicht nur kritisch gegenübersteht, sondern teilweise andere Ziele verfolgt. Im Kern lehnt dieser Kreis an Mitglieder meine Berufung als Sonderbeauftragter in der Bank ab und leugnet, dass tatsächlich ein finanzielles Loch existieren würde. Diese Sicht ist für mich vollkommen unverständlich. Stattdessen glaubt man, dass ich die Bank im Auftrag von BVR und BaFin fusionieren oder abwickeln soll. Das ist aber keineswegs der Fall. Aber wir brauchen einen ungetrübten Blick und den kann nur ein verlässlicher Jahresabschluss bieten.

 

AKB: Kritiker der Sanierungsbemühungen treten in der öffentlichen Wahrnehmung sehr präsent auf. Zumindest eine regionale Zeitung und eine mit ihr verbundene Online-Plattform wirkt regelrecht als Sprachrohr. Wie geht Ihre Bank damit kommunikativ um?

 

CG: Wir konzentrieren uns in unserer Kommunikation vor allem auf die Mitglieder, die bereit sind, sich mit Fakten auseinanderzusetzen, sowie die Mitarbeitenden. Dabei fahren wir eine hybride Kommunikationsstrategie. Einerseits versuchen wir, unsere eigenen Botschaften zu setzen und dabei konstruktiv und sachlich die Lage und unsere Maßnahmen zu erläutern. Andererseits versuchen wir, Falschinformationen mit Sachlichkeit, Vernunft und Professionalität entgegenzuwirken. Das gelingt auf überregionaler und teils auch auf regionaler Ebene sehr gut. Aber Sie haben recht: Es gibt in der Region eine Zeitung, die die – vorsichtig ausgedrückt – diskussionswürdigen Thesen und Theorien der Kritiker vor Ort weiterverbreitet.

 

AKB: Wie geht man mit solch einem Medium um?

 

CG: Es gibt Institutionen, die in solchen Fällen die Informationsweitergabe zum Medium einstellen. Davon bin ich jedoch kein Freund. Wir sprechen also weiterhin mit dem für die Berichterstattung zuständigen Journalisten und stellen, sofern es geht, unser Wort gegen das der anderen. Gleichwohl nutzen wir auch unsere eigenen Kanäle. Und auch hier sehen wir, dass viele Mitglieder und eben auch die Mitarbeitenden das sehr positiv annehmen, auch, weil mehr und mehr Menschen vor Ort die Art und Weise der Berichterstattung für undifferenziert und einseitig halten.

 

AKB: Sie wurden mittels Unterschriftensammlung aufgefordert, eine außerordentliche Generalversammlung einzuberufen und dies eigentlich im Januar. Jetzt findet diese am 26. März statt. Deshalb wirft man Ihnen vor, die außerordentliche Generalversammlung hinauszögern zu wollen und Fakten zu schaffen. Was sagen Sie dazu?

 

CG: Zunächst muss man wissen, dass ich mit den Initiatoren in einem steten Austausch war und sie auf verschiedene Formfehler hingewiesen hatte. So gab es zwei verschiedene Tagesordnungen für diese ao. Generalversammlung: Eine, die ich ausgehändigt bekommen habe und eine, die den Mitgliedern zur Verfügung gestellt wurde. Und auf beiden gab es unzulässige Tagesordnungspunkte. Zum Beispiel sollte ein Mitglied, nicht der Aufsichtsrat, die Versammlung eröffnen.

 

In der Sache sage ich Ihnen das, was ich jedem sage, der mir diese Frage stellt:

  1. Ich habe unverzüglich eingeladen und bin dadurch meiner Verpflichtung nachgekommen.
  2. Es gab unter den für uns notwendigen Rahmenbedingungen keinen früheren Termin in einer Location, die für diese Generalversammlung groß genug war.
  3. Ich bzw. wir in der Bank schaffen keine Fakten, wir fördern diese zu Tage. Und das machen auch nicht nur wir, sondern vor allem die Wirtschaftsprüferinnen und Wirtschaftsprüfer, die mit der Prüfung unserer Jahresabschlüsse betraut sind. Und wie man sieht, fördern diese stetig neue Fakten zu Tage. Darunter eben auch die Tatsache, dass es zahlreiche korrekturbedürftige Sachverhalte in den Jahresabschlüssen 2020 und 2021 gibt, die wir nun auch noch aufarbeiten müssen.

AKB: Sie stehen somit vor zahlreichen Herausforderungen. Worauf kommt es für Sie persönlich in der Rolle als Sonderbeauftragter an?

 

CG: Zuvorderst geht es darum, sich schnell in die Sachverhalte in der Bank einzuarbeiten. Zudem muss man in einem noch größeren Maße die Emotionen und Anforderungen der Mitglieder, Mitarbeitenden, Kundinnen und Kunden usw. mitbedenken und auf diese eingehen. Und ab und zu braucht es auch ein dickes Fell, wenn einem mal wieder krude Dinge vorgeworfen werden. Sie können sich meine Rolle also als einen Mix aus Change Manager, Seelsorger und Finanzexperte vorstellen, der im täglichen Doing all das zusammen einsetzt, um die Situation der Bank zu verbessern.

 

AKB: Und das alles trotz des Gegenwindes, den Sie erhalten?

 

CG: Wie gesagt, den Gegenwind erhalte ich nur von einer kleinen Gruppe der Mitglieder. Und das muss man eben aushalten. Wertvoll sind mir die positiven Signale aus dem Kreis der Mitarbeitenden. Da spüre ich ganz viel Unterstützung. Aber ich bin vor Ort zum Wohle der Bank und ich sehe es als Genossenschaftler durch und durch als meine Plicht an, zu helfen. Ich nehme diesen Auftrag sehr ernst und möchte ihn gewissenhaft erfüllen. Daher stehe ich auch drüber, wenn man mir bspw. den Vorwurf macht, ich würde eine außerordentliche Generalversammlung nicht durchführen wollen. Da sage ich dann einfach: Doch ich will! Aber ich möchte den Mitgliedern auch sagen können, wie es um ihre Bank steht und nicht aus der gewollten Hast einiger weniger eine Generalversammlung einberufen, ohne dass ein professioneller und die Umstände berücksichtigender Ablauf möglich wird.

 

AKB: Was ist aktuell Ihre größte Sorge?

 

CG: Es ist erklärte Absicht der Kritiker, die ao. (außerordentliche) Generalversammlung zu nutzen, um aus ihren Reihen einen Aufsichtsrat zu wählen und den aktuell von der BaFin zur Erfüllung der Aufgaben des Aufsichtsrates ebenfalls eingesetzten zweiten Sonderbeauftragten zu ersetzen.
Aber, um die Bank zu sanieren, müssen wir alle an einem Strang ziehen – und am gleichen Ende: Wir in der Geschäftsleitung, die Mitarbeitenden, die Mitgliedergremien und die Sicherungseinrichtung des BVR. Wir können uns interne Grabenkämpfe nicht leisten. Wenn die vernunftgeleiteten Mitglieder, die zum Teil bundesweit verteilt sind und teils hohe Summen hier in der VR-Bank in Form von Genossenschaftsanteilen investiert haben, nicht in hinreichender Anzahl an der Versammlung teilnehmen, dann wird ein solcher Aufsichtsrat gewählt und fruchtlose Auseinandersetzungen werden unsere Kräfte binden.

 

AKB: Gehen wir einmal davon aus, dass eine Testierung des Jahresabschlusses 2022 erfolgt ist und Sie wissen, wie groß das finanzielle Defizit ist. Was passiert dann?

 

CG: Unsere Bank ist, wie die anderen Mitgliedsbanken des BVR, Teil der Sicherungseinrichtung. Seit 90 Jahren ist noch keine angeschlossene Bank insolvent gegangen und das werden wir mit Hilfe des BVR und der genossenschaftlichen Familie ebenfalls nicht. Die Sicherungseinrichtung des BVR spielt somit eine entscheidende Rolle bei der Gewährleistung der finanziellen Stabilität unserer Bank. Sie bietet einen wichtigen Schutz für unsere Mitglieder und Kunden und trägt dazu bei, das Vertrauen in unsere Institution zu stärken.
Aber wir haben gegenüber den anderen Genossenschaftsbanken dadurch auch die Verpflichtung, es künftig besser zu machen. Ein „Weiter so“ kann es also nicht geben, sondern wir müssen schauen, wo die Krisenherde innerhalb unserer Bank liegen und diese dann löschen. Unterstützung und Zusammenhalt darf und kann es nicht bedingungslos geben. Die genossenschaftliche Familie muss darauf vertrauen können und wird uns auch dazu verpflichten, dass wir unsere Bank wieder auf Kurs bringen. Und genau dafür arbeiten wir derzeit.

 

AKB: Der Verbund ist also Ihr Rettungsanker?

 

CG: Der Verbund ist das Fundament unseres Daseins. Das sollten wir hier nicht vergessen. Wir sind Teil der genossenschaftlichen Familie und als Mitglieder dieser sollten wir Verantwortung für unsere Familie übernehmen. Und in unserem speziellen Fall bedeutet Verantwortung eben Aufklärung und Verbesserung.

 

AKB: Und sehen Sie sich hier auf einem guten Weg?

 

CG: Wir sind auf dem Weg, auch wenn uns regelmäßig Steine durch externe Akteure vor Ort in den Weg gelegt werden. Als genossenschaftliche Familie sollten wir aber auch daran interessiert sein, solchen Akteuren geschlossen entgegenzutreten. Diese Meinung teile ich nicht nur allein. Kürzlich habe ich einen wirklich sehr aufbauenden Brief von einem Vorstands-Kollegen einer anderen Volksbank bekommen, der mehr oder weniger sagte: Eure Genossenschaft steht unter Beschuss und damit auch unsere genossenschaftliche Familie. Ich möchte als Genosse durch und durch dafür einstehen, dass es eurer Bank gut geht. Daher erwerbe ich als Privatperson selbst Genossenschaftsanteile an eurer Bank und werde auch auf der außerordentlichen Generalversammlung meine Stimme geltend machen.

 

AKB: Das ist ein ungewöhnlicher Schritt.

 

CG: Ein ungewöhnlicher, ja. Aber aus Sicht dieses Vorstands auch ein wichtiger. Und diese Meinung teile ich. Ich würde wohl nicht anders handeln. Denn hier geht es ja – und das vergessen wir schnell – nicht nur um unsere Bank, sondern auch um von der Solidargemeinschaft zur Verfügung gestellte Mittel und – noch wertvoller – auch um die Marke „Volksbanken Raiffeisenbanken“ als solider Partner an der Seite von 18 Millionen Mitgliedern und 30 Millionen Kundinnen und Kunden. Durch die wirtschaftlichen Verfehlungen der vergangenen Jahre hier in der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden sowie des nun teils reputationsschädigenden Handelns einiger weniger, droht dieses Markenimage beschädigt zu werden. Und das zu bewahren, ist ein gegenüber Renditeerwartungen mehr als ebenbürtiges Förderinteresse, rechtfertigt also selbstverständlich die Mitgliedschaft.

 

AKB: Welchen Wert hat ein Genossenschaftsanteil in der VR-Bank?

 

CG: 125 Euro.

 

AKB: Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre Einsichten, Herr Gervais.

 

CG: Es war mir ein Vergnügen. Vielen Dank für das Gespräch.